Unsere neue Orgel in Merdingen am Tuniberg

von OBM Heinz Jäger und OBM Wolfgang Brommer

Die Landschaft am und um den Tuniberg bietet den dort beheimateten Menschen und ihren Besuchern vielfältige Reize für alle Sinne. Landschaftlich charmant reihen sich Ortschaften, Weinlagen und Sehenswürdigkeiten aneinander - einer wertvollen Perlenkette gleich. Eine dieser Perlen, die katholi­sche Pfarrkirche St. Remigius in Merdingen, zählt zu den auch überregional bekannten Barock­kirchen Süddeutschlands. Das Gotteshaus, erbaut in den Jahren 1738 bis 1741, ist ein Werk des Deutschordensbaumeisters Johann Caspar Bagnato (*1696 t 1757). Dieses beachtliche Gesamtkunstwerk vieler bedeutender Künstler der Barockzeit muss für die während des 18. Jahrhunderts in einfachsten persönlichen Verhält­nissen lebenden Einwohner der Gemeinde Merdingen ein Stück Himmelreich auf Erden gewe­sen sein. Diesem Stück Himmelreich ermangelte jedoch bis in unsere Tage eine Orgel, die der künst­lerischen Qualität des Kirchenraums entsprochen hätte.

Im Jahr 1778 lässt sich erstmalig eine Orgel in der Merdinger Kirche nachweisen. Damals wurden „dem Orgelmacher, wie er die Orgel in der Kirche wieder gestimmt und alles wieder in guten Stand gestellt, was daran gefehlt hat, bezahlt 7 Gulden 3 Batzen". Dieses, uns ansonsten gänzlich unbe­kannte Instrument tat seinen Dienst bis ins Jahr 1802. In jenem Jahr erhielt die Merdinger Kirche ihre zweite Orgel. Mit dem Oberrimsinger Orgelmacher Johann Zeller kam es zum Vertragsabschluß. Zeller sollte die eigentlich für Wies bestimmte Orgel mit neun Registern aufstel­len. In seiner Werkstatt lagerte das Werk mit den Stimmen Principal 8', Quint 3', Superoctav 2X, Mixtur 3-fach, Cornet 4-fach, Bor dun 8', Kleingedeckt 4', Subbass 16' und Oktavbass 8'. Unglücklicherweise starb Johann Zeller, der in Einsiedeln sein Handwerk erlernt haben soll, bald nach der Vereinbarung, so dass von Donaueschingen der aus Pfaffenweiler stammende Orgelmacher Nikolaus Schuble herbeigerufen wer­den musste. Er bekam den Auftrag, mit weiteren zwei Registern (Flöte und Posaunenbass), sowie einem Coppelzug das Orgelwerk von Zeller zu ver­vollständigen. Im Jahr 1802 aufgestellt, erfreute dieses Instrument die Merdinger Kirchengemeinde bis 1890. Der vollzählige Gottesdienstbesuch der zahlenmäßig angewachsenen Pfarrgemeinde führ­te am Ende des 19. Jahrhunderts zu Platz­problemen in der Kirche. Bürgerliche Gemeinde und Pfarrgemeinde entschlossen sich zu handeln. Die Orgel sollte von ihrem angestammten Platz auf der unteren Westempore weichen und in die südli­che Chornische „umziehen". Dieses Ansinnen erwies sich jedoch als technisch nicht realisierbar und wurde schließlich auch verworfen. Schon im Juli 1889 legte der Überlinger Orgelbaumeister Wilhelm Schwarz einen Kostenvoranschlag über einen Orgelneubau am neuen Standort vor. Am 5. Mai 1890 wurde das neue Instrument eingeweiht und durch den Freiburger Domkapellmeister Gustav Schweitzer geprüft. Der prüfende Experte war mit den handwerklichen und klanglichen Leistungen des Orgelbauers zwar zufrieden, bemängelte aber auch die ungünstige Klangent­faltung der Orgel, bedingt durch ihren Standort. Schweitzer hätte die neue Orgel viel lieber am alten Standort im Westteil der Bagnato-Kirche gesehen. Die weitere Orgelgeschichte ist schnell beschrieben. Der ungünstige Standort in der Chornische zeitigte vielerlei Unzulänglichkeiten im ganz alltäglichen Kirchenmusikleben. Beengte Platzverhältnisse standen den Bedürfnissen des Kirchenchores diametral entgegen: insgesamt eine ungute Situation, die von den Verantwortlichen 1928 aufgegriffen wurde. So plante man in jenem Jahr, dass die Orgel und die Sängerschar wieder auf ihren guten alten Platz, hinten auf der ersten Empore, zurückversetzt werden sollten. DieOrgelbauwerkstatt Schwarz entwarf einen Neubau mit pneumatischer Traktur. Die Ansicht der ange­dachten Orgel wurde in einem „Planentwurf mit Rokoko-Verzierungen festgehalten", der heute noch im Merdinger Gemeindearchiv verwahrt wird. Die Gemeinde musste das Projekt jedoch wie­der in der Schublade verschwinden lassen, da die Kosten dafür nicht aufzubringen waren. So blieb die Orgelsituation in St. Remigius dann bis in das Jahr 1957. Damals verlegte der Überlinger Orgelbauer Otto Mönch den Spieltisch der Orgel auf das sogenannte „Bubenchörle", die nördliche Chornische: Eine elektrisch-pneumatische Traktur machte diese Lösung möglich. Ebenfalls versuchte man im Zuge dieser Umbaumaßname die Klangab­strahlung der Orgel zu verbessern, indem das alte Gehäuse der Orgel entfernt wurde und das gesam­te Pfeifenwerk bis an die Nischenbrüstung vorge­zogen wurde. Diese unbefriedigende Orgelsituation blieb bis in unsere Tage hinein erhalten.

Unsere Aufgabe war es nun, den vielfältigen kirchenmusikalischen Anforderungen der neuen Orgel gerecht zu werden. In Zusammenarbeit mit Herrn Orgelinspektor Prof. B. Marx entstand eine Disposition mit 30 klingenden Registern - verteilt auf 3 Manuale und Pedal - nach badisch-elsässi-schen Vorbild. Das Hauptwerk und Recit folgen klar einer barocken Orgeltradition. Das disponier­te Schwellwerk muss als „Zutat" und Referenz an die sehr reichhaltig und breit aufgestellte Chorarbeit an St. Remigius verstanden werden. Auch die Möglichkeit zur Darstellung sehr vielseiti­ger Orgelmusik erfährt durch dieses Teilwerk eine Bereicherung.

Unsere eigens für die Merdinger Kirche ent­wickelten Mensuren sind in Abgleichung mit Mensuren aus unserem hauseigenen Orgelarchiv und dem darin befindlichen großen Bestand an historischen Aufzeichnungen u.a. der Silbermann-Dyimslie, der Fa.StielTel und von Mathias Martin entstanden. Alle Metallpfeifen wurden in gehäm­merter Ausführung, zum Teil nach oben ausge­dünnt, hergestellt. Die Pfeifen der Orgel sind bis 2' - Länge auf Ton geschnitten, bei den Gedackten (Metall) und Rohrflöten sind die Deckel zugelötet.

Die Stimmung wurde nach Bach - Kellner bei 18° auf 440 Hz gelegt. Unsere Orgel hat eine mechanische Spieltraktur, eine elektrische Regis­tersteuerung und eine elektronische Setzeranlage mit 4000facher Speichermöglichkeit. Eine schöne Besonderheit der Merdinger Orgel ist die Tatsache, dass sämtliche Hölzer der selbst tragenden und massiven Eichenholzkonstruktion und Windladen aus pfarr- und gemeindeeigenem Holzbestand gefertigt sind. In dem sich prospektseitig mit 6° eigener Wölbung an die Emporenanlage „anschmiegenden" Hauptgehäuse fanden die Stimmen des Hauptwerkes und die zwei Register des Kleinpedals ihren Standort. Die einzelnen Prospektfelder werden durch vergoldetes Schleier­werk bekrönt. Das mit drei Registern schmucke, innerhalb des Hauptwerksgehäuses (Unter­gehäuse) in C/Cis-Teilung untergebrachte und durch Türen schwellbare Recit macht das neue Instrument für Spieler und Hörer gleichfalls sehr reizvoll. Hinter der dreimanualigen Spielanlage erhebt sich das Schwellwerk der neuen Orgel, dahinter die Stimmen des Großpedals. Die groß dimensionierte Drei-Magazin-Balganlage verleiht dem Instrument einen wohltuend beruhigten Wind und fand ihren Platz in der Turmnische - hinter dem Pedalwerk.

Von der Auswahl der Hölzer, über die Konstruktion der Orgel, die Wahl der richtigen Mensuren, bis hin zur meisterlichen Intonation des Werkes haben wir jeden Schritt mit überzeugender Fachkompetenz geplant, vorbereitet und schließ­lich ausgeführt. Die zweihundert Jahre dauernde Merdinger Geschichte vom Suchen und Finden des richtigen Orgelstandorts und der richtigen Orgel ist abgeschlossen, Kirche und Orgel bilden nun eine architektonische Einheit, Raum und Instrument eine klingen­de Synthese.

Unser Dank gilt all denjenigen, die uns ihr Vertrauen zum Bau dieser Orgel geschenkt haben. Der ganzen Pfarrgemeinde und besonders Herrn Pfarrer Josef Moosmann danken wir für den Auftrag. Ohne die handwerkliche und organisatorische Mitarbeit - auch bei der Kirchenrenovierung - durch Herrn Josef Hintereck, Pfarrgemeinderatsvorsitzender und Kirchenchorvorstand, wäre Vieles nicht zu Stande gekommen. Ihm und seinen Mithelfern sei ein ganz besonderer Dank. Herrn Altbürgermeister Adolf Schopp und den Mitgliedern des Fördervereins St.Remigius danken wir für die Mithilfen und vielseitigen Unterstützungen.

Herrn Erzb. Oberbaudirektor Anton Bauhofer und Frau Dipl.-lng. Barbara Martin vom Erzb. Bauamt Freiburg sind wir nicht weniger zu herzlichem Dank verbunden. Viele andere Instanzen der Baubehörden und der Denkmalpflege, Herrn Dr.Friedrich Jacobs, waren mit am Werk, um die neue Merdinger Orgel in ihren Besonderheiten entstehen zu lassen. Zusammen mit den vielen Helfern und Spendern, die neben dem ehemaligen Pfarrer Siegfried Bliestle die finanziellen Grundlagen zum Orgelneubau legten, konnte das große Werk in Angriff genommen werden. Jedem Einzelnen sei dafür besonders gedankt.

Herr Professor Bernhard Marx, Freiburg, prägte als Orgelsachver­ständiger des Erzbistums die Disposition der Orgel mit und war bei allen Gestaltungs- und Intonationsarbeiten ein intensiver Berater. Für diese fach­kundige Begleitung des Orgelneubaus danken wir ihm sehr.

Unseren Mitarbeitern danken wir ganz besonders. Sie haben in über 7500 Arbeitsstunden mitgearbeitet, um unser gemeinsames Meisterwerk entstehen zu lassen. Mit Fleiß, Fachkompetenz und viel persönlichem Einsatz haben alle zum Gelingen dieser Orgel mit beigetragen.

Mit der neuen Orgel fand auch der Kirchenchor wieder auf der unteren Langhausempore seinen von Anbeginn angestammten Platz. Möge unsere Orgel als Instrument die Organisten und den Chor dazu anregen, stets quali­tätsvolle Kirchenmusik zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen zum Gottesdienst beizutragen.