Die neue Orgel in St.Remigius
von Orgelinspektor Prof.Bernhard Marx
I. Entwicklung der räumlichen und klanglichen Konzeption
Die bedeutende Kirche St. Remigius, ein Barock Juwel am Tuniberg, ist mir schon lange vertraut. Als es um den Orgelneubau ging, kam mir spontan der Gedanke, das Klangideal der Silbermanns hier zu realisieren, um mit dem Raum einen nahezu zeitgleichen musikalischen Dialog zu initiieren.In Riegel a. K. (ca. 15km entfernt von Merdingen) hat man seinerzeit leider nicht die Chance genutzt, die ehemals vorhandene Silbermann-Orgel zu rekonstruieren - wie sie in der Benediktinerkirche Villingen geradezu exemplarisch verwirklicht wurde.Umso stärker war nun der Wunsch aller Beteiligten, nicht nur in Villingen „auf dem schwarzen Wald", sondern in der Region Kaiser-stuhl/Tuniberg den „silbernen Klang" wieder heimisch werden zu lassen.Erste Skizzen und Computersimulationen in enger Zusammenarbeit mit dem Erzbischöflichen Bauamt Freiburg ließen uns schnell erkennen, dass man in Merdingen nicht zwei große, frei in den Raum sprechender Manualwerke aufstellen kann.
Die Situation der Bagnato-Emporen ist sehr delikat; ein Rückpositiv kam wegen der geschwungenen Empore nicht in Frage, ein Positiv auf der zweiten Empore hätte den gesamten Kirchenraum dominiert.Die untere Empore ragt gerade mal 2,10m vor der oberen Empore in das Kirchenschiff. Daraus resultierte nun die Idee, das Hauptwerk und Kleinpedal frei vor der oberen Empore aufzustellen. Um hier jeden verbleibenden Zentimeter zu nutzen für den Klang, setzten wir die Spielnische hinter die Orgel unter die zweite Empore. zweite große Manualklavier wurde als Schwellwerk ausgebildet unter der zweiten Empore, dahinter dann die drei Register des Großpedals, schließlich im Turm das imposante Balghaus. Ein Echowerk („Recit") wie bei Silbermann fand noch Platz im Sockel des Hauptwerkes. Conclusio: eine „reinrassige" Silbermann - Kopie wie in Villingen war hier nicht möglich wegen der räumlichen Vorgaben, aber man wird viele Klangfarben von Silbermann (Vater und Sohn) wieder finden.
II. Die neue Königin der Instrumente am Tuniberg
Die Orgel ist ein Instrument „mit Hand und Fuß": die Hände spielen auf drei Klaviaturen („Manualen") das Hauptwerk, das Schwellwerk und das Recit an, die Füße lassen mittels der Pedalklaviatur die Pfeifen des Pedalwerkes ertönen, das auf der Hauptwerkslade und hinter dem Schwellwerk untergebracht ist. In der Schauseite (im „Prospekt") der Orgel stehen 41 Pfeifen (nach dem Zahlenalphabet übrigens das Symbol für J.S. Bach): sie bilden die Vorderfront des „Hauptwerkes", also des wichtigsten und lautesten Teilwerkes. Insgesamt besitzt die Merdinger Orgel 2308 Pfeifen; jede dieser Pfeifen lässt sich definieren durch 33 Parameter (Legierung, Form, Weitenmensur, Längenmensur, Einkulpung des Pfeifenfußes, Windfluß, Kernspalte...) und wird schon in der monatelangen Planungsphase und in wochenlanger Intonationsarbeit speziell für den Kirchenraum von St. Remigius bestimmt und eingestimmt. Hinter dem Hauptwerk und der Spielanlage ist das „Schwellwerk" positioniert: es steht in einem abgeschlossenen, massiven Eichenholzgehäuse, dessen Vorderseite und Seitenwand mit Jalousien ausgestattet ist. Durch Öffnen und Schließen der Jalousien lässt sich der von Natur aus starre Orgelton dynamisch differenzieren in Crescendo und Diminuendo.
Die Merdinger Orgeldisposition zeigt in ihren Klangfarben („Registern") Anklänge an badisch -elsässische Vorbilder. Die Principalfamilie (HW: Montre 8', Prestant 4', Doublette 2', Fourniture 2' , Sifflet l'; SW: Prestant 4', Plein Jeu 2'; PED: Oktavbaß 8', Prestant 4') stellt - wie der Name schon sagt („Princeps": Fürst, Anführer) - das wichtigste Klangkontingent des Instrumentes.
Die Flötenregister (HW: Bourdon 16', Bour-don 8', Flute 4'; SW: Rohrflöte 8', Flute 4', Flageolet 2'; RECIT: Bourdon 8', PED: Subbaß 16') lassen sich in ihren verschiedenen Tonlagen als Einzelfarben einsetzen, eignen sich aber auch gut für Klangkombinationen mit Registern aus anderen Familien.
Die Zungenregister (HW: Trompette B/D 8', SW: Trompette harmonique 8', Basson- Hautbois 8', RECIT: Cromorne B/D 8'; PED: Bombardelö', Trompette 8') verleihen der Orgel Kraft und Tragfähigkeit in den weiten Kirchenraum hinein. Außerdem haben sie zusammen mit den gemischten Stimmen (HW: Nazard 2 2/3', Tierce l 3/5', Cornet 5-fach; SW: Nazard 2 2/3', Tierce l 3/5', RECIT: Cornet 4-fach) die wichtige Aufgabe, der Pfarrgemeinde die Liedmelodien bekannt zu machen und mit Solostimme zu begleiten. Gerade im Hinblick auf das neue Gesangbuch für die deutschsprachigen Diözesen, welches in einigen Jahren erscheinen soll, bietet die neue Merdinger Orgel verschiedene Möglichkeiten, um die neuen Lieder mit der Gemeinde zu üben.
Auch ein Streicherregister („Salicional" 8' im SW) ist vorhanden für die romantische Musik und für meditative Elemente (zusammen mit dem Tremulanten ersetzt es fast eine „Voix celeste").
Wichtig für die klangliche Präsenz der neuen Orgel im großen Kirchenraum von St. Remigius sind die „Querkoppeln" SW / HW 16' und SW / PED 4'. Schon Komponisten wie Louis Vierne und Jehan Alain in den 1930er Jahren sowie Olivier Messiaen in unserer Zeit haben diese Koppeln für die Wiedergabe ihrer Werke gefordert; diese Querkoppeln erschließen - bei relativ geringen Kosten - neue großartige klangliche Möglichkeiten, indem sie die Register des Schwellwerkes quasi verdoppeln.
Eine elektronische Setzerkombination mit 4.000 Speichermöglichkeiten versetzt den Organisten in die Lage, schnelle klangliche Wechsel im Verlauf der Liturgie vorprogrammieren und sich ganz auf die Musik konzentrieren zu können.
Allen Beteiligten (Pfarrgemeinde, Landes-denkmalamt Südbaden, Erzbischöfliches Bauamt Freiburg, Orgelbaufirma Jäger &Brommer) danke ich für ein stets offenes Ohr und für eine sehr erfreuliche, konstruktive Zusammenarbeit.
Möge die neue „Königin der Instrumente" aus dem Hause Jäger & Brommer für Generationen und Jahrhunderte in St. Remigius zu Merdingen singen, immer wieder neu ihre Stimme erheben durch gute Organisten und der Pfarrgemeinde eine treue Begleiterin sein auf dem Weg durch die immer wiederkehrenden Festkreise des Kirchenjahres und durch die endliche Zeit unseres Menschenlebens.
Prof.Bernhard Marx,Erzbischöflicher Orgelsachverständiger