Orgelgeschichte in der St. Remigius Kirche

Auszug aus dem „Pfarr- und Gemeindeblatt Merdingen“:

von Prof.Hermann Brommer

Ein großes Anliegen der Pfarrei muss verwirklicht werden:

Die Wiedererrichtung einer Orgel auf der unteren West-Empore

Warum? Schon 1986 wurden die technischen und klanglichen Mängel der vorhandenen Kirchenorgel vom Erzbischöflichen Orgelinspektor Prof. Dr. Hans Musch festgestellt und beklagt. Aber schon jahrzehntelang vorher lassen sich Klagen über Mängel der Orgel und die schlechte Unterbringung des Kirchenchors nachweisen.
Merdingen besitzt zwar eine der kostbarsten barocken Landkirchen in Südbaden, aber die musikalischen Verständnisse darin grenzten lange Zeit an einen Notzustand und waren für alle Ausübenden eine Zumutung. Das ist bis heute musikalisch und pastoral unzulänglich geblieben. Es ist gut, die Sachlage in Erinnerung zu rufen. Darum soll die Merdinger Orgelbaugeschichte aus den vorhandenen Quellen der Archive kurz dargestellt werden.
Die erste Kirchenorgel des 18. Jahrhunderts.

Vor allem ist vielleicht für manchen überraschend, dass während des 18. und 19. Jahrhunderts die politische Gemeinde im Rahmen  ihrer damaligen Baupflicht für Langhaus und Glockenturm der Kirche auch für die Errichtung und Pflege der Orgel zu sorgen hatte. In den Gemeinderechnungen lässt sich das nachlesen.

Dass in der 1738 / 41 neu erbauten Kirche schon bald ein reges musikalisches Leben herrschte, geht schon 1748 aus Einträgen hervor, die sich auf „Choralbuben“, „Singpulte auf dem Chor“ und auf „Musikanten“ beim Gottesdienst beziehen. An den Stuckfeldern der Emporebrüstungen lässt sich an den dort als Schmuck dargestellten Musikinstrumenten trefflich ablesen, wo von Anfang an der Platz der Kirchenmusik gewesen ist, nämlich auf der unteren großen Empore. Es gab im 18. Jahrhundert aber auch eine Orgel, die nicht nur zur Begleitung des Gesangs, sondern auch im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten zur Erbauung der Gläubigen eingesetzt wurde. Wann und von wem jene erste Orgel eingebaut wurde, ist nicht mehr zu ergründen, weil die Gemeinderechnungen des 18. Jahrhunderts nur sehr lückenhaft erhalten geblieben sind.

Doch 1778 wird bei der Gemeinde vermerkt, dass ein Orgelmacher zu Reparaturen und Stimmarbeiten bezahlt und verpflegt werden musste. Solche Einträge folgen auch danach. 1790 erhielten zwar „ein Orgelmacher, wegen der Orgel wieder zu renovieren“, eine Bezahlung, gleichzeitig erwähnte die Gemeinderechnung jedoch, dass vom Schulmeister Joseph Bihli und dem Heimburger Sebastian Fränzle (Gemeinderechner) „zu Freiburg von wegen einer Orgel auszukundigen“ 1 Gulden 12 Kreuzer verzehrt worden seien. Die Gemeinde schaute sich demnach auf  Wunsch von Vogt Mainrad Selinger nach einem anderen oder neuen Instrument um. Wer war Joseph Bihli? Gebürtig aus Forchheim, war er 1785 als „Trivialschullehrer“, d. h. gemäß der damals neuzeitlichen Ausbildungsordnung der „Freiburger Normaalschule“ (Lehrerausbildungsanstalt), nach Merdingen angewiesen worden. 1807 zum Oberlehrer ernannt, ging Bihli 1830 in Pension. Er war 45 Jahre lang Schuleiter und, wie damals üblich, auch Organist und Chorregent in Merdingen.

Die zweite Kirchenorgel 19. Jahrhundert

Wie ernst es den Merdingern mit der Neuanschaffung einer größeren Kirchenorgel war, beweist, dass 1801 das erste, vermutlich nur als Positiv ohne Pedal gebaute Instrument um 137 Gulden 30 Kreuzer an die Kirche in Wittnau verkauft wurde. Dort fügte man 1827 ein Pedal hinzu und ersetzte die ehemalige Merdinger Orgel 1861 durch eine andere, die aus Gütenbach übernommen wurde.
1801 kamen Vogt Anton Weber, das „ehrsame Gericht“ und Pfarrer Sebastian Dürr mit dem „Orgelmacher von Oberrimsingen zusammen, um mit ihm die Lieferung einer neuen Orgel um 600 Gulden zu vereinbaren. Man kannte sich gegenseitig, denn schon 1793 vermerken die hiesigen Gemeinderechnungen, dass der Oberrimsinger Orgelmacher herbeigeholt worden sei, um die Orgel zu reparieren und auszuputzen. Es handelte sich um den Orgelbauer Johann Zeller, der eine 1798 für die Kirche in Wies bestellte neue Orgel mit neun Registern noch unfertig in der Werkstatt liegen hatte. Unglücklicherweise starb Johann Zeller, der in Einsiedeln sein Handwerk erlernt haben soll, bald nach der Vereinbarung, so dass aus Donaueschingen der von Pfaffenweiler stammende Orgelmacher Nikolaus Schuble (1770 – 1816) herbeigerufen werden musste. Er bekam den Auftrag, mit noch drei Registern für 120 Gulden das Orgelwerk Johann Zellers zu vervollständigen. Nikoalus Schuble hatte bei seinem besser bekannten Onkel Blasius Bernauer die Orgelmacherei gelernt und ist neben Merdingen auch in Lehen, Feldkirch, Horben, Kirchhofen, Freiburg St. Georgen und im Freiburger Münster mit Orgelbauarbeiten nachweisbar. Am 24 April 1802 holten die Merdinger mit Fuhrwerken die Orgel in Oberrimsingen ab.
Dass der Orgelneubau 1801 / 02 für die Gemeinde Merdingen ein großes Anliegen war, geht aus einem Bericht des Gemeinde – Protokollbuchs hervor: „Ist diese Orgel bezahlt worden durch die ganze Bürgerschaft durch Beisteuern von Reich und Armen, ein jeder nach seinem freien Willen, wie das Einzugregister erweisen thut.“ Das ist heute noch erstaunlich, denn Merdingen hatte damals gerade zehn dauernde Kriegshandlungen der Französischen Revolutionszeit mit Einquartierungen, „umsonstigen“ Lieferungen und Kontributionen überstanden. Deshalb entschloss sich „allhiesige Gemeinde aus Dankbarkeit gegen ihren guten Gott, wo doch viele andere sehr vieles durch Plünderungen gelitten haben und ihr Ort so nahe der Grenzen durch sonderbare Fürsicht Gottes verschont worden, auf Grund der hierzu gegebenen feiwilligen Beiträge der Inwohner“ die neue Orgel zu kaufen. Diesen Bericht verfasste Schullehrer Joseph Bihli bei Fertigstellung der Orgel am 15. Juli 1802.
Das auf der unteren großen Empore aufgestellte Instrument diente der Pfarrgemeinde bis 1890. Eine große Pfeife jenes Orgelwerks ist im Rathaus noch erhalten geblieben, zumal die Gemeinde zu den Spenden der Bevölkerung noch 30 Prozent der Anschaffungskosten bezahlt hatte. 

Die dritte Orgel (1890)

Der vollzählige Gottesdienstbesuch der zahlenmäßig angewachsenen Pfarrgemeinde führte am ende des 19. Jahrhunderts zu Platzproblemen in der Kirche. Bürgermeister Karl Hofert und Pfarrer Theodor Müller entschlossen sich zu handeln. Eine Lösung wurde darin gesehen, dass die Orgel auf der unteren Empore abzubrechen und nach vorne in die südliche Chornische zu verlegen sei. Damit konnten zusätzlich Bankplätze auf der unteren Westempore der Kirche gewonnen werden. Die Zeller-Schuble-Orgel von 1802 ließ sich technisch aber nicht versetzen.

Am 5. Juli 1889 legte der Überlinger Orgelbaumeister Wilhelm Schwarz (1848 – 1912) dem Bürgermeister Hofert (nicht dem Pfarrer) den Kostenüberschlag über einen Orgelneubau am neuen Standort vor. Die Entwurfszeichnung für das Gehäuse im Neo-Renaissance-Stil wollte er durch einen Überlinger Architekten zwei Wochen später nachliefern lassen. Am 24. März 1890 fragte der Orgelmeister nach dem Bahnhof an, zu dem die fertige Orgel transportiert werden könne. Als der Freiburger Domkapellmeister Gustav Schweitzer am 5. Mai 1890 zur Einweihung und Prüfung der neuen Orgel nach Merdingen kam, hatten handwerklich begabte Leute der Pfarrei mit Pfeifen des vorhergehenden Orgelwerks einen fähnchen- und girlandengeschmückten Triumphbogen über dem Hochaltar der Kirche gebaut.

Der Orgelinspektor war mit der technischen und klanglichen Disposition des neuen Instruments zufrieden, betonte aber, dass die Kraft der Orgel am alten Standort der unteren Empore bedeutend mehr gegenüber der Aufstellung in der Seitennische des Chors gewonnen hätte. Bei der jetzt klanglich nicht so günstigen Unterbringung hätten dem Orgelklang „noch einige sogenannte Schreiregister mehr“ gutgetan. Für den Kirchenchor blieb in den sehr beengten und umständlichen Verhältnissen der neuen Orgelnische kaum die Möglichkeit, sich für den mehrstimmigen Chorgesang günstig aufzustellen. Alle Verantwortlichen mussten erkennen, dass diese Orgelversetzung nur eine Maßnahme war. Den Wind für das Orgelspiel hatte ein Blasebalgzieher mit einem großen Hebel zu erzeugen. Dafür stellte Bürgermeister Hofert den Oskar Keller als ersten Calcanten an.
Orgelbaumeister Wilhelm Schwarz hatte sich 1873 in Überlingen selbstständig gemacht und mit der Tochter seines Lehrmeisters Josef Braun von Spaichingen verheiratet.
Er erlebte 1887 seine erste große öffentliche Anerkennung, als er für das Überlinger Münster eine neue Orgel mit 30 Registern konstruieren durfte. 

Umbauplan 1928

Die großen Unzulänglichkeiten der Orgelverlegung von 1890 kamen erneut zu Diskussion, als Bürgermeister German Bärmann 1928 die Überlinger Orgelbauanstalt Schwarz mit einer Reinigung und Neuintonation der Chornischenorgel beauftragte. Dabei wurde vorgeschlagen, dass „die Orgel und die Sänger wieder ihren guten alten Platz hinten auf der ersten Empore finden“ sollten. Die Orgelfirma Schwarz plante einen Neubau mit pneumatischen Trakturen (Pressluftsteuerungen).    Die Ansicht eines solchen Orgelprospekts wurde in einem Planentwurf mit Rokoko –Verzierungen festgehalten, der heute noch in im Gemeindearchiv verwahrt wird. Bürgermeister Bärmann musste das Projekt allerdings aufgeben, weil die Gemeinde die Baukosten nicht aufzubringen vermochte. Die Orgel- und Raumverhältnisse in der Chornische blieben weiter sehr beengt. Der Kirchenchor unter der Leitung von Fräulein Oberlehrerin Erika Hofstetter als Organistin konnte 1956 nur 17 Sängerinnen und Sänger notdürftig unterbringen.

Spieltisch – Verlegung und Elektrifizierung der Orgel und besserer Platz für den Kirchenchor (1957)

Als 1957 der Kirchenchor auf 52 aktive Sängerinnen und Sänger anwuchs, musste das dringende Problem der Unterbringung gelöst werden. Dafür bot sich damals wegen des guten Gottesdienstbesuchs nur die nördliche Chornische, das sogenannte Bubenchörle, an. Obwohl auch das nur eine Notlösung war, entschlossen sich Pfarrer Robert Winkel, Bürgermeister Gillmann und Vorstand Josef Grünfelder zur Verlegung des Orgelspieltisches und des Kirchenchors.

Das war mit Hilfe der elektrisch-pneumatischen Spieltraktur technisch machbar geworden, indem vom Spieltisch aus Kabelverbindungen über den Kirchenspeicher zum Orgelwerk gezogen wurden. Außerdem musste das Orgelwerk für die Elektrifizierung umgebaut werden. Das besorgte die Orgelbaufirma Otto Mönch, Überlingen. Sie versuchte auch, die Klangabstrahlung der Orgel zu verbessern, indem das monströse Gehäuse beseitigt und das gesamte Pfeifenwerk auf die Nischenbrüstung vorgezogen wurde.

Ein Problem musste allerdings im liturgischen und musikalischen Bereich mit in Kauf genommen werden. Der Kirchenchor hatte hinter die Kirchenarchitektur zurückzustehen und um die Chorseitenwand herumzusingen.

Dabei gaben die pneumatischen Verzögerungen in der jenseitigen Orgel Probleme für das präzise Orgelspiel und die Begleitung von Mess- und Chorgesängen. Jeder, der spielte, musste sich auf diese Schwierigkeit einstellen. Besonders schlecht und sonst wohl in einer Kirche nur selten zu finden, war und ist bis heute, dass der Kirchenchor in seinem Chornischen - Versteck von der Feier der Hl. Messe nichts sieht, sondern nur akustisch teilnehmen und sich einbringen kann.

Was muss getan werden?

Um diesem grundlegenden Übelstand von Grund auf abzuhelfen, nachte der vorhergehende Kirchechordirigent bei seinem Abschied aus den Chordienst eine Stiftung zur Verlegung des Kirchenchors auf den ursprünglichen Standort in der Kirche und zwar auf den von Anfang an dafür vorgesehenen und von 1741 bis 1890 benützten Platz der Orgel und der Kirchenmusik. Männergesangverein und Musikkapelle haben zu ihren Mitwirken bei festlichen Anlässen selbstverständlich stets den Platz auf der unteren Empore in Anspruch genommen. Pfarrer Siegfried Bliestle erkannte den herrschenden Übelstand an und legte, zusammen mit dem Stiftungsrat, eine größere Summe auf das schon vorhandene Orgelkonto dazu. Es war klar, dass die Kirchenchor – Verlegung auf die untere Empore dort auch einen der Größe des Kirchenraums und den heutigen Organistenanforderungen entsprechenden Orgelneubau nach sich ziehen musste. Vom heutigen Gottesdienstbesuch her betrachtet, lässt sich darin keine Platzschwierigkeit erkennen.

Merdingen hat zwar eine der kostbarsten Barockkirchen Südbadens als Mittelpunkt für den Gottesdienst zur Verfügung, aber darin eine Orgel, die nach dem Gutachten des Orgelinspektors Prof. Dr. Hans Musch vom 5. August 1986 dringend als ersatzbedürftig beurteilt werden müsse. Inzwischen sind mehr als 20 Jahre übers Land gezogen.

Die Pfarrgemeinde bittet alle, die helfen können , zusammenzustehen und das große Anliegen auch finanziell zu unterstützen. Das war früher in armen Zeiten in Merdingen möglich, warum nicht auch heute? Die Kirchenbehörde hat grünes Licht gegeben, so dass aus eigener Kraft das Werk begonnen werden könnte.