Weltklasse in der Merdinger Kirche
Atemlose Stille herrscht, die sprichwörtliche Stecknadel könnte man fallen hören – dann erfüllen die mächtigen Klangmäander von Bachs „Fantasie und Fuge a-moll“ (BWV 651) die Barockkirche.
Auftakt zu einem Konzert von Weltniveau, das in einer berührenden Dramaturgie den Bogen schlägt vom Leipziger Altmeister über Bachs „Wiederentdecker“ Felix Mendelssohn-Bartholdy (dessen 200. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird) zu den Russen Wladimir Odójewskij und Alexander Glasunow sowie dem nahezu unbekannten Constantin Homilius, um in einer triumphalen Mendelssohn-Zugabe noch einmal alle Register zu ziehen und die Merdinger Kirche in den Grundfesten zu erschüttern. Das leider nicht sehr zahlreiche Publikum dankte es dem Moskauer Künstler Alexander Fisejsky mit einer kleinen Ovation. In der Tat: Wie der Professor, der als der bedeutendste Organist Russlands gilt, die Spannweite zwischen triumphierender Erlösung und kreatürlicher Verzweiflung, Höhe und Tiefe, Himmel und Erde, Sphärenmusik und Liedhaftigkeit gestisch und klanglich durchmaß und auslotete, war schlichtweg grandios. Sein Programm verband ja beides: Nach dem Eröffnungsstück folgten drei Choralbearbeitungen von Bach, unter anderem das bedrückende „Aus der Tiefe rufe ich“ (BWV 745); Mendelssohns Choral und Variation „Herzlich tut mich verlangen“ folgte das mitreißende Allegro in D; die Rarität „Gebet ohne Worte“ des Schriftstellers und dilettierenden Komponisten Odójewski, im Titel ein Echo auf Mendelssohns „Lieder ohne Worte“, war von berührender Menschlichkeit; und Homilius’ Präludium in G sowie Präludium und Fuge D-Dur des „russischen Brahms“ Glasunow, hierzulande ebenfalls eher selten gehört, warfen wieder alle Erdenschwere ab – was schließlich in der Mendelssohn-Zugabe, wie erwähnt, ein triumphales Ende fand.
Fisejskys Auftritt war auf Vermittlung der Orgelbauer Jäger & Brommer und durch großzügige Förderung des Weinguts „Kalkbödele“ möglich geworden. Dort erläuterte der Meister im kleinen Kreis in bedächtigem Deutsch anschließend seinen Eindruck von der Merdinger Orgel. Die Abstimmung des Instruments auf die Gesamtakustik der Kirche sei sehr gut, und sie eigne sich für ein breites Spektrum musikalischer Stile. Außerdem bemerkenswert: Obwohl der Organist aufgrund der Kleinheit der Empore praktisch im Instrument sitze, sei ihr Klang für den Spielenden nicht unerträglich laut. Auf die scherzhafte Nachfrage allerdings, ob die Orgel besser sei als der Merdinger Wein, zögerte der Maestro: „Ich prüfe noch.“ Die Prüfung lässt sich vielleicht fortsetzen - es ist geplant, im Herbst wieder ein Konzert mit dem Meister zu veranstalten. Schön wäre, wenn in der Merdinger Kirche dann kein Platz mehr frei wäre ...
Michael Schäfer
Das Programm
Johann Sebastian
Bach Präludium und Fuge G-Dur, BWV 541
Choralbearbeitungen:
Valet will ich dir geben, BWV 736
Nun komm, der Heiden Heiland, BWV 699
Herr Christ, der ein’ge Gottes-Sohn, BWV 698
Gelobet seist du, Jesu Christ, BWV 697
Wir Christenleut’, BWV 710
Trio-Sonate e-Moll, BWV 528
Adagio. Vivace
Andante
Un poco Allegro
F. Mendelssohn-Bartholdy
Choral und Variation “Herzlich tut mich verlangen”
Allegro in d
W. Odojewskij (1804-1869)
Gebet ohne Worte
C. Homilius (1840-1918?)
Praeludium in G
A. Glasunow (1865-1936)
Praeludium und Fuge D-Dur, op. 93
Alexander Fiseisky, Orgel
Alexander Fiseisky wurde in Moskau geboren, absolvierte am dortigen Konservatorium sein Studium in den Fächern Klavier und Orgel mit Auszeichnung und gilt heute als der bedeutendste und einflussreichste Organist Russlands. Er ist Solo-Organist der Moskauer Staatlichen Philharmonischen Gesellschaft, Direktor der Orgelabteilung an der Russischen Gnessin Musikakademie, Präsident des Wladimir Odojewskij Orgelkunstzentrums Berater bei Orgelneubauten, Mitglied im Gremium, das den Ausbildungsstandard im Fach Orgel an sämtlichen Musikakademien Russlands festlegt, künstlerischer Direktor vieler internationaler Orgelfestivals, Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben. Im Bachjahr 2000 führte er viermal in Deutschland das Gesamtorgelwerk von J.S. Bach auf, davon zweimal im Rahmen der EXPO 2000 in Hannover, und in Düsseldorf an einem einzigen Tag als Bach- Marathon. Hierfür wurde in Moskau eine Eintragung ins Buch Rekorde des Planeten Erde vorgenommen. Ihm sind zahlreiche Werke zeitgenössischer Komponisten gewidmet, und seine musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen (u.a. Anthologien Orgelmusik in Russland, Orgelmusik im Baltikum, Bärenreiter-Verlag) finden starke Beachtung im In- und Ausland. Ein Buch, das sich mit der Entwicklungsgeschichte der Orgel und der Orgelmusik befasst, wird in absehbarer Zeit durch ihn in Russland herausgegeben. Alexander Fiseisky ist Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD): Im Jahr 1997 wurde er von Präsident Jelzin mit dem Titel „Verdienter Künstler Russlands“ ausgezeichnet.